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Hoffähige Antidemokraten
Gastbeitrag von Lale Akgün in der Welt am Sonntag (30.03.2008)
Lale Akgün sieht islamische Organisationen mit zweifelhafter
Verfassungstreue durch Innenminister Schäuble aufgewertet. Liberale
Muslime haben das Nachsehen
Von Dr. Lale Akgün
Ali Kizilkaya, der Vorsitzende des Islamrates für Deutschland, hat
an diesem Freitag turnusmäßig den Vorsitz des Koordinierungsrates der
Muslime übernommen. Damit hat die von Innenminister Wolfgang Schäuble
initiierte Islamkonferenz ihre Intention, dem Islam in Deutschland ein
positives Gesicht zu verleihen, ins Gegenteil verkehrt. Denn sie hat
dazu beigetragen, dass sich der Vertreter einer Organisation, deren
Verfassungstreue zu Recht angezweifelt wird, als Sprachrohr der Muslime
in Deutschland darstellen kann. Der "Islamrat für Deutschland" wird
maßgeblich durch die "Islamische Gemeinschaft Milli Görüs" gesteuert,
die der Verfassungsschutz schon seit Jahren beobachtet.
Zur Erinnerung: Der Koordinierungsrat ist ein Ergebnis der von
Innenminister Schäuble im Herbst 2006 einberufenen Islamkonferenz, in
ihm sind seit einem Jahr die vier großen muslimischen Verbände
zusammengeschlossen. Dem eigenen Bekunden nach will der
Koordinierungsrat Vertreter aller Muslime in Deutschland sein - egal ob
diese das wollen oder nicht. Rund 90 Prozent der Muslime in Deutschland
sind nämlich nicht organisiert und haben mit den Ansichten der Verbände
wenig oder gar nichts im Sinn. Die anderen zehn Prozent, die sich dem
Koordinierungsrat verbunden fühlen, stellen alles andere als einen
Querschnitt durch die muslimische Gesellschaft dar - sie sind an deren
konservativem Ende verortet.
Natürlich ist es auch in meinem Interesse als säkularer Muslimin,
dass es (wie auf der Islamkonferenz beschlossen) einen flächendeckenden
Islamunterricht auf Deutsch gibt, dass Imame in Deutschland ausgebildet
und dass Moscheen gebaut werden dürfen. Aber ich möchte eben nicht,
dass die gleichen Leute, die nachmittags in der Moschee den
zweifelhaften Koranunterricht erteilen, vormittags in der Schule
dieselben Inhalte verbreiten dürfen. Und ich möchte auch nicht, dass
diese konservativen Kräfte Imame ausbilden, das Moscheeleben dominieren
und damit letztlich die Definitionsmacht über den Islam in Deutschland
bekommen.
Aber damit nicht genug: Jetzt soll ich also auch noch von einem
Verband vertreten werden, der mit seinen Ansichten und seinen
Aktivitäten unser demokratisches System in Zweifel zieht. Und das ganze
sechs Monate lang - so lange wird Herr Kizilkaya nämlich den Vorsitz
des Koordinierungsrates innehaben. Ich könnte mich frustriert und
enttäuscht über die Ergebnisse der Islamkonferenz abwenden, wenn ich
mir nicht ernsthafte Sorgen über die symbolische Bedeutung dieses
Vorsitzwechsels machen würde. Was bedeutet das eigentlich für den
sozialen Frieden in unserer Gesellschaft?
Der Koordinierungsrat hat zwar dadurch, dass er bereits jetzt Ali
Kizilkaya den Vorsitz übergeben hat, auf eine schlaue Art und Weise
verhindert, dass dieser bei der nächsten Sitzung der Islamkonferenz im
Herbst mit Schäuble an einem Tisch sitzen und über die Werte unserer
Verfassung verhandeln wird. Denn dann werden die sechs Monate um sein
und der Koordinierungsrat schon seinen nächsten Vorsitzenden haben.
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dann der Vorsitzende des Verbands
der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) in Deutschland am Zuge sein. Der
VIKZ hat sich vor allem durch seine intransparente Jugendarbeit einen
Namen gemacht und ist organisatorisch aufs Engste mit seiner
Mutterorganisation in der Türkei verbunden.
Die Islamkonferenz in ihrer jetzigen Form wertet die konservativen
und orthodoxen Kräfte symbolisch auf, zementiert die Einflüsse aus dem
Ausland und verhindert, dass sich in Deutschland ein säkularer und
liberaler Islam, wie er als zartes Pflänzchen bereits existiert,
etablieren kann. Machtpolitisch hat der Koordinierungsrat wenig zu
sagen, gefährlich aber ist er, weil er auch in Richtung auf die
Mehrheitsgesellschaft versucht, die Deutungshoheit über den Islam zu
erlangen. Zum Beispiel behauptet Ali Kizilkaya, das Kopftuch sei ein
religiöses Gebot. Diese Position wird von liberalen Muslimen nicht
geteilt - aber die Liberalen haben keine Plattform, ihnen wird viel zu
wenig Gehör geschenkt.
Das gilt auch für jene, die immer wieder mahnen, dass die Grenzen
zwischen orthodoxem und fundamentalistischem Islam fließend sind. Je
nach politischer Großwetterlage kann die orthodoxe Variante einer jeden
Religion in Fanatismus umschlagen. Dass der Islam von religiösen
Fundamentalisten missbraucht werden kann, ist sowieso klar. Aber er
kann auch von der Gegenseite instrumentalisiert werden. Nichts anderes
tut gegenwärtig der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders, der
seinen Kurzfilm "Fitna" diese Woche ins Internet gestellt hat.
Der Film setzt den Islamismus mit dem Islam gleich und gibt vor,
Europa vor der Islamisierung schützen zu wollen. Der Islam als solcher
erscheint darin als Bedrohung unserer Freiheit. Dabei geht der Film in
keiner Weise kritisch aufdeckend vor, sondern ist ein willkürlicher
Zusammenschnitt von Szenen islamistischer Gewalt und Stimmen radikaler
Prediger. Durch diese voluntaristische Zusammenfügung stellt Wilders
falsche Kausalitäten her und entlarvt am Ende weniger die Islamisten
als sich selbst. Hass säen - das ist Wilders offensichtliches Ziel.
Wir sollten weder den Islamisten noch den Rechtspopulisten Glauben
schenken. Als Demokraten sollten wir unbeirrt den Weg des Dialoges
weitergehen. Aber da, wo der Dialog in eine Sackgasse geraten ist,
müssen wir das auch offen zugeben. Eine Islamkonferenz, die
verfassungskritische Organisationen wie Milli Görüs hoffähig macht und
damit die Grenze zwischen Demokraten und Feinden der Demokratie
verwischt, ist in einer solchen Sackgasse. Da bleibt nur eine radikale
Kehrtwende, um die Geister, die wir gerufen haben, wieder loszuwerden.
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