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Im Transitgebiet
Gastbeitrag von Lale Akgün in der "Frankfurter Rundschau" (19.08.2009)
Beim Rundgang durch die Ausstellung "deutsche Geschichte in Bildern und
Zeugnissen" im Deutschen Historischen Museum in Berlin habe ich mir vor
allem eine Frage gestellt: Ist diese Geschichte, die hier als deutsche
Geschichte präsentiert wird, auch meine deutsche Geschichte?
Mittelalterliche Städte, Dreißigjähriger Krieg, Absolutismus,
Reformation, Weimarer Republik, Drittes Reich und vieles mehr - fühle
ich mich durch die Auswahl der Ereignisse als Deutsche, die in der
Türkei geboren wurde, ebenso angesprochen wie autochthone Deutsche? Was
haben die Deutschen eigentlich gemeinsam?
Mir
war die Kritik Arno Widmanns im Hinterkopf, der den Ausstellungsmachern
in einem Artikel dieser Zeitung vorwirft, die wichtigste Frage zur
deutschen Geschichte zu unterschlagen: Wer sind die Deutschen
überhaupt? Sind sie Nachfahren von Germanen, Kelten und anderen Stämmen
- sind sie ethnisch, quasi per Blutsverwandtschaft, verbandelt? Oder
ist Deutschland eine Konstruktion entlang kultureller und sprachlicher
Ähnlich- keiten, die Gruppierungen, Stämme und Volksgruppen miteinander
gemeinsam haben?
Für mich als Zuwanderin, die im Alter von neun
Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist, liegt hierin die
spannendste Frage. Und tatsächlich zeigt sich hier die Schwäche der
Ausstellung: Sie präsentiert etliche Mosaiksteine der deutschen
Geschichte - wie gesagt: Reformation, Weimarer Republik und weitere
Ereignisse - ohne darauf hinzuweisen, dass viele andere Mosaiksteinchen
fehlen. Steinchen, ohne die Deutschland heute nicht dieses Deutschland
wäre.
Eins ist klar: Unser Land ist und war niemals ein
abgeschlossener Kulturraum, sondern ein sich immerfort entwickelndes
Gebilde, das sich durch Einwanderung, politische Veränderungen und
kulturelle Neuerungen rasant verändert. Das, was wir Deutschland
nennen, ist von jeher ein Sammelbegriff für die Gesamtheit seiner
kulturellen und sprachlichen Gruppierungen, Ereignisse und
Errungenschaften. Deutlicher gesagt: Deutschland ist und bleibt ein
Dachverband seiner Kultur- und Sprachgruppen. Nichts daran ist rassisch
oder ethnisch.
Am Anfang war die Sprache Deutsch, gleichwohl in
verschiedenen Dialekten, das einigende Band der Deutschen. Etymologisch
gesehen geht der Begriff "Deutsch" auf ein germanisches Wort zurück und
bedeutet soviel wie "dem Volke zugehörig". Dem Volke zugehörig sind
also diejenigen, die Deutsch sprechen.
Dennoch ist die Annahme,
Deutschland sei eine ethnische Einheit, weit verbreitet. Der Grund
hierfür sind die nationalen und nationalistischen Bewegungen des 19.
Jahrhunderts, die eine solche Einheit konstruierten und schließlich ins
öffentliche Bewusstsein brachten. Der Volksgedanke war schlechthin der
Versuch, aus einer "verspäteten Nation", die zuvor ein Flickenteppich
aus Königsreichen und Fürstentümern war, eine machtvolle Einheit - die
deutsche Nation - herbei zu konstruieren. Das alles ist nicht zu
verstehen, wenn man die Konkurrenz zu Frankreich und England vergisst,
deren Staaten schon lange vor den Deutschen geeint waren.
Vor
allem Preußen, dessen Könige ab 1871 automatisch deutsche Kaiser
wurden, forcierte diesen Einheitsgedanken auf ethnischer Basis, um als
Weltmacht gegen Frankreich und England, später auch gegen die USA,
aufzuholen und zu bestehen. Die preußische Nationalerziehung hat ganzen
Generationen an Schulkindern die Idee einer ethnischen Einheit
Deutschlands in die Köpfe gepaukt - personifiziert in den Kaisern
Wilhelm I und II. Dabei ist allerdings der Gedanke verlorengegangen,
dass Deutschland ein Mosaik aus vielen Teilen ist: Die bayerische
Tradition gehört ebenso dazu wie die alemannische und die jüdische -
und natürlich auch die Traditionen ehemaliger Ostgebiete oder anderer
Länder des Ostens. Dazu kommt die geografische Lage im Herzen Europas:
Deutschland, ein Transitgebiet für die unterschiedlichsten Menschen.
Aber die Preußen hatten ihren Erziehungsauftrag ernst genommen: Noch
heute ist die Konstruktion eines ethnisch einheitlichen Volkes in
manchen Köpfen fest verankert. Was macht man da als Einwanderin? Ohne
deutsche Vorfahren, ohne die Partizipation an dem "kollektiven
Unbewussten"? Wie wird die Identifikation mit Deutschland möglich?
Die Autorin
Lale Akgün wurde 1953 in Istanbul geboren. 1962 kam sie nach
Deutschland. Sie studierte Medizin und Psychologie und arbeitete seit
1981 bei der Stadtverwaltung in Köln. 1981 nahm sie auch die deutsche
Staatsbürgerschaft an, ein Jahr später trat sie in die SPD ein. Seit
2002 sitzt sie im Bundestag. Lale Akgün ist stellvertretendes Mitglied
im Kuratorium der Stiftung "Deutsches Historisches Museum".
Ihr Text
nimmt Bezug auf Arno Widmanns Artikel "Leerstelle deutsch", FR v. 5.
August, über einen Gang durch das Deutsche Historische Museum Berlin.
In der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte wurde mir
bewusst, dass es gerade der deutschen Nation, die in Wahrheit über die
Sprache und Kultur verbunden ist, besonders leicht fallen sollte,
Zugewanderte in sich aufzunehmen, wenn diese sich mit Sprache und
Kultur identifizieren. Deutschland könnte sich aufgrund seiner Genese
und der Geschichte als Einwanderungsland par excellence begreifen.
Das
Deutsche Reich als Einheit wurde von preußischen Großmachtansprüchen
dominiert. Die Bundesrepublik hat andere Ansprüche an Demokratie und
föderale Einheit. Es hätte vor diesem Hintergrund Charme gehabt, wenn
nach der Wiedervereinigung Frankfurt am Main als Ort des 1848
gescheiterten demokratischen Aufbruchs Hauptstadt geworden wäre - und
nicht die frühere preußische Kapitale Berlin. Aber das nur als
Randnotiz, denn das ist Schnee von Gestern.
Denn neben der
Entscheidung für eine symbolisch aufgeladene Hauptstadt ist die reale
Politik viel wichtiger, beispielsweise beim Staatsangehörigkeitsrecht:
Noch bis ins Jahr 2000 galt hier im Prinzip das alte, über 150 Jahre
alte preußische Staatsbürgerschaftsrecht Ius Sanguinis, wonach
Deutscher ist, wer deutsche Vorfahren hat. Erst seit der Reform spielt
das Geburtsortsprinzip, Ius Soli, das in angelsächsischen Ländern schon
lange dominiert, eine zumindest stärkere Rolle.
Das
Geburtsortsprinzip erleichtert das Zusammenleben, weil Zugewanderte die
Chance erhalten, Deutsche zu werden - und sich auch als solche
akzeptiert zu fühlen. Das ist das neue Deutschland und gleichzeitig ein
Deutschland, wie es schon immer war: ein eng vernetzter Dachverband
derer, die dieselbe Sprache sprechen und bestimmte kulturelle Normen
und Werte teilen. Diese geteilten Normen und Werte sind seit 1949 in
unserem Grundgesetz festgeschrieben - und haben sich als rechtliche und
normative Grundlagen bewährt. Darin liegt das einigende Band der
Deutschen, ganz egal, ob der eine oder die andere ursprünglich aus
Norwegen, Brasilien oder der Türkei stammt. Auf dieser Grundlage kann
dann die Liebe zur Sprache und Kultur gedeihen.
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