Köln darf nicht zurückgehen

Interview des Kölner Stadt-Anzeigers mit Lale Akgün und Ludwig Theodor von Rautenstrauch (30.06.2009)

Die Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) und der Unternehmer Ludwig Theodor von Rautenstrauch plädieren für die Realisierung der Akademie der Künste. Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin gilt als Vorbild.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Frau Akgün, Herr Rautenstrauch, warum setzen Sie sich gemeinsam für die Akademie der Künste der Welt ein?

LALE AKGÜN: Es gibt ein gemeinsames Interesse, für diese Stadt das Beste zu wollen und eine gemeinsame Liebe zu Kunst und Kultur. Wir wollen der Öffentlichkeit noch einmal vor Augen halten, dass hier im nächsten Jahr zwei wichtige Dinge passieren: Die Eröffnung des neuen Museums am Neumarkt und die Akademie der Künste. Beides hängt zusammen.

Inwiefern?

AKGÜN: Ich meine auch, dass die Ideen zusammengehören. Beide Institutionen zielen darauf, sowohl die heimische Bevölkerung als auch die Gäste die Vielfalt der Kulturen erleben zu lassen. Es geht darum, bei der Weiterentwicklung von Kunst und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung einen nicht-eurozentrischen Blick zu entwickeln.

LUDWIG THEODOR VON RAUTENSTRAUCH: Man sollte von vornherein eine Struktur finden, die das Museum einbindet. Zunächst aber muss das Projekt auf die Beine kommen. Der Rat kann jetzt beschließen was er will, im Oktober haben wir einen neuen Rat mit unter Umständen anderen Mehrheitsverhältnissen. Und wir stehen vor massiven finanziellen Schwierigkeiten bei den Kommunen. Ich nehme an, dass der Kämmerer nach den Kommunalwahlen am 30. August erst mal eine Haushaltssperre erlassen wird. Aber es wäre gut, wenn der Rat jetzt einen Tendenzbeschluss fasst und sagt: Wir stehen dahinter. So eine Akademie braucht Mittel, die sind mit 1,2 Millionen Euro pro Jahr angesetzt - was nicht sehr viel ist bei einem Haushalt von über sechs Milliarden Euro. Die bisherigen Zusagen, dass man den Kulturetat erhöhen will, werden hoffentlich auch von den neuen Gremien eingelöst.

AKGÜN: Fest steht: Köln darf an dieser Stelle keinen Schritt zurücktun. Es ist eine Image-Frage, den Kulturbetrieb mit Innovationen aufrecht zu erhalten. Wir sollten lernen aus den Fehlern der Vergangenheit. Dass Köln nicht Europäische Kulturhauptstadt geworden ist, war eine traurige Angelegenheit. Daher müssen wir jetzt etwas Innovatives machen. Die Akademie wird ja auch Künstler in die Stadt holen. 20 sollen kommen pro Jahr und länger bleiben. Ich hoffe, dass Köln so viel Anziehung entwickelt, dass einige hier hängen bleiben.

RAUTENSTRAUCH: Wir haben das ja gesehen nach dem Verfall der Bühnen. Wie schnell das wieder umkippen kann: Wenn eine vernünftige Intendantin kommt, ist der Ruf innerhalb einer Spielzeit wieder da, wo er einmal war. Das könnte auch im Museumsbereich oder im Freien Kunstbereich so sein.

AKGÜN: Ich wäre auch bereit, zusammen mit Herrn Rautenstrauch auf Bundesebene Ressourcen anzufragen, was man für Köln noch zusätzlich machen könnte. Ich glaube, dass die Stadt sonst an Attraktivität verliert. Dann ziehen Leute weg, die für uns wichtig sind. Ich gebe das Stichwort Galerien, die sind zwar in Berlin eher unglücklich, aber sie sind weg. Ich fände es nur legitim, dass Köln als große Kulturstadt vom Bund unterstützt wird.

Viele Künstler fühlen sich in Köln nicht mehr ernst genommen. Mit der Akademie könnte man dieser Entwicklung entgegenwirken?

RAUTENSTRAUCH: Es wird letztlich darauf ankommen, wer der Intendant oder die Intendantin ist. Man sieht, wie stark das Kulturleben von Leuchtturmpersonen gesteuert wird. Da muss jemand gefunden werden, der mit großer Kraft und Ausstrahlung daherkommt.

Gibt es Vorschläge, wer so etwas machen könnte?

AKGÜN: Es muss jemand sein, der Kontakt hat in die ganze Welt, der es schafft, mit Charme Leute nach Köln zu holen und der in der freien Szene akzeptiert und etabliert ist.

RAUTENSTRAUCH:Ein Mann wie Kasper König, der hat das ja im Museum Ludwig sehr gut gemacht. Künstler kommen nur, wenn sie jemanden haben, der sie anzieht.

AKGÜN: Nur wenn wir mehr Kenner und Persönlichkeiten haben, stärken wir das Renommee der Stadt. Dann aber braucht man viel mehr gar nicht zu machen.

RAUTENSTRAUCH: Die Menschen und die Firmen kommen ja immer noch gerne nach Köln, weil die Stadt diese spezielle Atmosphäre hat. Sie ist ein bisschen chaotisch und unorganisiert - und es ist ein wenig dreckiger als es sein sollte. Aber die Atmosphäre ist da. Dabei sind die Menschen freundlicher, als die etwas ruppigen Berliner oder Wiener.

Was passiert denn, wenn der Kämmerer Nein sagt?

RAUTENSTRAUCH: Dieser Kämmerer wird bestimmt Nein sagen, weil er ja nur kommissarisch eingesetzt ist. Im Oktober dann werden wir einen neuen Kämmerer bekommen.

AKGÜN: Wir müssen den Kämmerer überzeugen, dass wir sonst nicht mehr in der ersten Liga mitspielen. Ich höre immer: wir sind die viertgrößte Stadt der Republik. Aber was macht denn Köln aus? KKK, Kirche, Karneval und Kunst. Die ersten beiden können Sie nicht verändern. Aber was machen wir mit Kultur? Wie können wir das zum Markenzeichen weiter entwickeln? Die Antwort ist: Was wir behalten wollen, müssen wir auch verändern.

RAUTENSTRAUCH: Ich möchte mir da eine gewisse Zuversicht einreden. Es ist ja in den letzten Jahren viel Positives geschehen. Die Fraktionen, die nicht kulturfreundlich waren, haben eingesehen, dass sie mehr für die Kultur tun müssen. Speziell für die Freien Szenen, aber auch für die Institutionen. Das hat eine Verbesserung des Klimas bewirkt. Fritz Schramma hat - bei allen Schwierigkeiten, die man mit ihm haben kann - dafür gesorgt, dass der Kulturetat aufgestockt wird. Die Fraktionen und der Kämmerer sind ihm gefolgt. Daneben muss die Verselbständigung weiter gehen, damit die Institutionen selbst wirtschaften und eigene Mittel akquirieren können. Dadurch wird sehr viel kreatives Potenzial freigesetzt.

AKGÜN: Vielleicht darf ich das Beispiel Luxet ins Spiel bringen, die in den Ubierring wollen, in das alte Gebäude. Die sagen selbst, dass die Stadt das Gebäude ohnehin sanieren muss, auch wenn die Musikschule reingeht. Ich sage ganz offen: Natürlich soll die Musikschule zu ihrem Recht kommen, aber auch Luxet als ein neues innovatives Projekt in der Kinoszene. Es gibt also junge kreative Leute, die gute Ideen haben. Ich unterstütze das sehr, weil wir das brauchen. Die anderen sind eh da.

Wie sieht ihre Perspektive für den Standort der Akademie aus?

AKGÜN: Die Akademie soll ja kein festes Haus mehr haben. Es soll eine Vernetzungsstelle sein, junge Menschen dazu bringen, mit bestehenden Häusern zusammenarbeiten. Das ist das Innovative: Nicht einfach noch ein Haus da hinstellen. Klar muss die Akademie ein Büro und Sekretariat haben, aber letztlich geht es darum, das Bestehende aufzuwerten. Ich glaube an die Möglichkeit, freie Räume in einem Museum zu bespielen.

Das Prinzip wäre dann wie die European Kunsthalle, die ja auch permanent die Location gewechselt hat.

RAUTENSTRAUCH: Ja, und es gibt ja auch Neues. Im Rechtsrheinischen die Messehallen, da wo die Oper demnächst spielen wird.

Die Ergebnisse der multikulturellen Gesellschaft werden im deutschen Kulturbetrieb immer mehr sichtbar. Feridun Zaimoglu, Fatih Akin, Navid Kermani. . .

AKGÜN:Vor 30 Jahren gab es nur die Kulturvereine. Jetzt sagt Akin, ich bin ein deutscher Regisseur.

RAUTENSTRAUCH:Das ist doch der, der „Gegen die Wand“ damals gemacht hat. Das sind doch großartige Leute.

Was passiert, wenn der Rat doch nicht für die Akademie entscheidet?

RAUTENSTRAUCH: Das kann nicht passieren. Ich glaube auch, dass der neue Rat, wenn er nicht völlig bescheuert ist, und das wollen wir mal nicht annehmen, so ein Projekt, das so wichtig ist für diese Stadt, weiterführen wird. Ob es dann ausreichend finanziert ist, werden wir sehen. Wir brauchen einen ersten Mann, ein gewisses Team, und dann die Mittel, um die Veranstaltungen durchzuführen. Noch ist es nur ein Papierkonzept.

Das Gespräch führte Ralf Johnen