Liberalen Muslimen den Rücken stärken

Gastbeitrag von Dr. Lale Akgün im Kölner Stadt-Anzeiger (03.09.2008)

Deutschland sollte die liberalen und modernen Muslime unterstützen. Dazu gehören Lehrstühle für Islamwissenschaften, der Austausch mit ausländischen Fakultäten, und eine offene und faire Diskussionskultur mit Muslimen - auch abseits der konservativen Islamverbände. Von Dr. Lale Akgün So soll sie später einmal aussehen: Die Moschee in Köln-Ehrenfeld. (Bild: dpa)Die Moschee in Köln-Ehrenfeld wird gebaut. Der Beschluss des Rates ist seit vergangener Woche da, nun kann es losgehen. Damit endet auch ein Streit, der sich unter anderem um die Höhe der Minarette gedreht hat - als wäre das überhaupt maßgeblich gewesen. Nein, das war eine Phantomdebatte, auf die alle Welt mehr oder minder verwundert geschaut hat.

Das eigentliche Thema war ein ganz anderes: Welche Wege geht der Islam in Deutschland? Und wie entwickelt sich der Islam hierzulande? Jetzt, wenn die Moschee gebaut wird, können wir vielleicht wieder darauf zurückkommen und die Umwege über die Moschee vergessen. Im Kern steht nun die Frage, wie sich der liberale Islam in Deutschland durchsetzen kann - das ist eine besonders wichtige Frage für den Schutz der Menschenrechte.

Bald jährt sich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen zum 60. Mal. In ihr wurden erstmals die grundlegenden Menschenrechte, wie körperliche Unversehrtheit, Gleichstellung von Mann und Frau und Religionsfreiheit formuliert. Mehr als 40 Jahre später, 1990, haben 57 mehrheitlich islamische Staaten ihren Gegenentwurf, die „Kairoer Erklärung“, unterzeichnet - und damit die Menschenrechte der islamischen Gesetzgebung untergeordnet, der Scharia. Sie speist sich aus den Quellen des Korans und den Überlieferungen des Propheten Mohammed, sie enthält Vorschriften für alle Lebensbereiche. Die Menschenrechte in die Zwangsjacke eines jahrhundertealten religiösen Rechtekataloges zu stecken, das ist für westlich säkulare Maßstäbe nicht nachvollziehbar.

Und dennoch gibt es auch in Deutschland konservative Muslime, die genau das wollen: Menschenrechte, die der Scharia untergeordnet sind. In der „Islamischen Charta“ bekennt sich beispielsweise der Zentralrat der Muslime allgemein zur „demokratischen Grundordnung und Pluralismus“. Doch dann winden sich die Autoren: Grundsätzliche Bekenntnisse zu den Menschenrechten, wie die Gleichstellung von Mann und Frau, kommen ihnen nicht über die Lippen. Vage wird den Frauen „das aktive und passive Wahlrecht“ zugestanden, ansonsten „gebietet das islamische Recht, Gleiches gleich zu behandeln, und erlaubt, Ungleiches ungleich zu behandeln“.

Viel Bigotterie

Darin steckt ein ordentliches Maß an Bigotterie: Wie kann man ernsthaft für ein unveränderliches und ewiges islamisches Recht eintreten und zugleich uneingeschränkt für die demokratische Grundordnung sein? Das sind zwei Dinge, die sich ausschließen. Im Kern dieser Bigotterie steckt ein altes traditionelles Islamverständnis, das die Scharia für sakrosankt erklärt - eine Ansicht, die eine nachhaltige Modernisierung, man kann auch sagen: Reformation, lähmt.

Nur eine zeitgemäße Interpretation des Korans und der Sunna kann aus dieser Sackgasse herausführen. Der iranische Geistliche Mohsen Kadivar ist für diesen Vorschlag Ende der 1990er Jahre in Teheran ins Gefängnis gegangen. Er schlägt vor, die islamische Lehre in vier Abschnitte einzuteilen. Die ersten drei Teile betreffen den Glauben an Gott und den Propheten, die Ethik, Moral und das Gebet - das sind die unveränderlichen Aspekte. Der vierte Abschnitt betrifft die Regeln, die das Zusammenleben der Menschen organisieren: beispielsweise das Straf- und Handelsrecht, jedoch auch die Beziehung von Mann und Frau, die Geschlechtergerechtigkeit und die Bekleidungsvorschriften. Diese Regeln sind natürlich veränderbar, ja, sie müssen sich wandeln, weil sich auch die Zeitumstände wandeln. Warum sollten noch heute solche Regeln gelten, die vor rund 1400 Jahren auf der arabischen Halbinsel praktiziert worden sind?

Wir sollten jetzt endlich den liberalen und modernen Muslimen den Rücken stärken. Lehrstühle für Islamwissenschaften, Austausch mit ausländischen Fakultäten, wie etwa der progressiven „Schule von Ankara“, und eine offene und faire Diskussionskultur mit Muslimen auch abseits der konservativen Islamverbände - das sind Bausteine, die den Islam nach und nach in unserem Land modernisieren. Die meisten Muslime hätten mit einer zeitgemäßen Lesart des Islams keine Probleme, gerade weil sich damit eine Vielzahl an Reibereien auflösen würden, die sich manche Muslime mit dem Staat und den hiesigen Regeln liefern: Kopftuch, Koedukation, Schwimmunterricht, Klassenfahrten - wir kennen die Schlagworte. Noch bestimmen sie die Debatte.