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Religionsunterricht an öffentlichen Schulen
Kurzvortrag von Lale Akgün
Vortrag von Dr. Lale Akgün bei einer Tagung zum Thema
"Religionsunterricht an öffentlichen Schulen" der Katholischen Akademie
(Dezember 2008):
Die einen haben ihn, die anderen wollen ihn: konfessionellen
Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Während der Staat in
Zusammenarbeit mit den beiden Kirchen schon seit der Gründung der
Bundesrepublik christlichen konfessionellen Religionsunterricht
erteilt, warten die Muslime in unserem Land noch immer auf ihren
eigenen Unterricht. Da ist es nur verständlich, wenn Muslime im Rahmen
der Gleichbehandlung konfessionellen Religionsunterricht fordern.
Es hat jedoch keinen Sinn, dies mit der Brechstange zu tun: Die
Muslime hierzulande haben im Gegensatz zu den Kirchen keinen zentralen
Ansprechpartner. Zum jetzigen Zeitpunkt die Verantwortung für
Religionsunterricht den konservativen bis orthodoxen Muslimverbänden zu
übergeben, die gerade einmal höchstens zehn Prozent der Muslime
repräsentieren, wäre ein Fehler. Was aber tun? Schließlich ist die
Gleichbehandlung der Religion ein wichtiger Verfassungsgrundsatz und
zudem besonders wichtig für eine pluralistische
Einwanderungsgesellschaft wie die unsrige.
Bisher ist es so: Islamkunde ist kein Religionsunterricht im
konfessionellen Verständnis. Er soll über den Islam möglichst in all
seinen Facetten informieren, indem er am Glauben der Schülerinnen und
Schüler sowie der Lehrerschaft ansetzt. Islamkunde geht also
grundsätzlich davon aus, dass der Islam in Deutschland durch eine
Vielfalt konfessioneller Orientierungen geprägt ist – mit der
Konsequenz, dass die Pluralität dieses Glaubens auch im Unterricht
gelehrt wird. Es gilt das Kontroversitätsgebot: Was in der islamischen
Welt umstritten ist, muss auch im Unterricht als umstritten behandelt
werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei zugleich an die Werte
und Ordnungen des deutschen Grundgesetzes sowie der Landesverfassungen
herangeführt werden.
Ein konfessioneller Unterricht will jedoch mehr als informieren, er
will auch verkünden. Damit rückt die religiöse Lehre in den Blick, die
die Curricula künftig bestimmen würde – und da kann einem angst und
bange werden: Derzeit können nur die muslimischen Verbände, die sich im
Koordinierungsrat der Muslime (KRM) zusammengeschlossen haben, die
Träger eines solchen Religionsunterrichts sein. Diese vertreten in der
Mehrzahl ein konservatives bis orthodoxes Weltbild, das sich zudem
vielfach einer wissenschaftlich fundierten Theologie widersetzt. Auch
andere Vorschläge, wie jener des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK),
Elterninitiativen zum Träger von Religionsunterricht zu küren, würde in
die gleiche Kerbe schlagen: Eltern, die sich für einen muslimischen
Unterricht stark machen, wären mit Sicherheit eher konservative bis
orthodoxe Muslime – ganz davon zu schweigen, dass die Verbände
versuchen würden, Einfluss auf diese Elterninitiativen zu nehmen.
Derzeit haben wir die paradoxe Situation, dass sich die beiden
christlichen Kirchen für einen konfessionellen islamischen
Religionsunterricht stark machen. Man muss kein Augur sein, um zu
sehen, dass diese Forderung weniger einem Ruf nach mehr
Gleichberechtigung entspringt, sondern eher dem Ansinnen, die eigene
Position zu stärken. Denn natürlich wirft die Debatte über
Religionsunterricht an öffentlichen Schulen die Grundsatzfrage auf:
Benötigen wir überhaupt konfessionellen Unterricht an öffentlichen
Schulen? Der evangelischen und katholischen Kirche geht es also vor
allem um die eigene Scholle. Das ist zwar legitim, aber nicht
hilfreich, wenn die Kirchen zum jetzigen Zeitpunkt einen muslimischen
Religionsunterricht unterstützen, der nur von ultrakonservativen
Kräften getragen werden würde.
Für die jetzige Zeit muss die nichtkonfessionelle Islamkunde erst
einmal reichen. Das ist durchaus als Übergangskonstrukt gedacht, bis
auf muslimischer Seite geeignete Ansprechpartner stehen, deren
Religionsunterricht den Erfordernissen des demokratischen und pluralen
Rechtsstaates gerecht wird. Dass sich solche muslimischen
Ansprechpartner eines Tages anbieten, ist kein Naturgesetz und kann
auch nicht durch Showveranstaltungen, wie die Islamkonferenz, gefördert
werden. Ein liberaler Islam entsteht nur auf dem
intellektuell-diskursiven Boden, den eine moderne und
kritisch-fundierte Theologie bereiten kann. Ein Beispiel ist hierfür
der Münsteraner Professor Sven Kalisch, der derzeit von den
muslimischen Verbänden heftig bekämpft wird. Er interpretiert die
überlieferte Texte historisch-kritisch: Das heißt, die Schriften werden
vor dem Hintergrund der Zeit, in der sie entstanden sind, beleuchtet.
Ziel dieser auch hermeneutisch genannten Methode ist, die alten
religiösen Quellen in unsere Gegenwart zu übertragen. Dabei wird viel
Wert auf die Kraft des Argumentes und der Vernunft gelegt, Dogmatismus
ist fehl am Platz – das ist moderne wissenschaftliche Theologie, die
für die gesamte deutsche Universitätslandschaft wünschenswert ist.
Einige Befürworter sprechen sich für den Religionsunterricht aus,
weil „das Fremde nur verstehen kann, wer das Eigene kennt“. Das ist
zwar im Grundsatz goldrichtig, beantwortet aber nicht die Frage, was
das Fremde und das Eigene ist. Die konservativen muslimischen Verbände
möchten die Definitionshoheit über das, was fremd und eigen ist oder
sein soll, erreichen – mittels des konfessionellen
Religionsunterrichts. Eine pluralistische Gesellschaft benötigt jedoch
Werte, die von allen geteilt werden können: Das sind die Werte des
Rechtsstaates, niedergeschrieben im deutschen Grundgesetz. Zu überlegen
ist also, ob wir nicht lieber einen Ethikunterricht anbieten, der genau
diese Werte lehrt. Auf diesen Ethikunterricht können die Schülerinnen
und Schüler dann einen konfessionellen Religionsunterricht
draufsatteln, wenn sie möchten.
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