Schäubles Extrabehandlung grenzt Muslime aus
Interview mit Lale Akgün und Aiman Mazyek (Die Welt, 25.06.2009)
Islam-Konferenz
"Schäubles Extrabehandlung grenzt Muslime aus"
Von Till-Reimer Stoldt 24. Juni 2009, 18:37 Uhr
Die Islam-Konferenz führt zu keinen handfesten Ergebnissen und macht
es Islamisten leichter, sagt die Islam-Beauftragte der SPD, Lale Akgün.
Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, freut sich
hingegen über die Integration des Islam in Deutschland. Ein
Streitgespräch.
Frau Akgün,
2007 haben Sie gesagt, die Islam-Konferenz sei „so nützlich
wie ein Kropf“. Müssen Sie sich jetzt korrigieren?
Lale Akgün: Nicht im Geringsten. Die Schlusserklärung wird
mir Recht geben, weil sie keine handfesten Ergebnisse bieten wird. Da
wurde Zeit verplaudert. Außer Spesen ist da nichts gewesen.
Aiman Mazyek: Mit der Islam-Konferenz hat der Staat zum
ersten Mal nicht nur über, sondern auch mit Muslimen geredet. Das ist
ein Fortschritt. Außerdem ist die gefühlte Zustimmung zum Islam
gewachsen durch Schäubles Botschaft, dass der Islam ein Teil
Deutschlands ist. Für einige Mitbürger ist das noch
gewöhnungsbedürftig, weil sie glauben, für Muslime gebe es keinen Platz
in unserem Land. Aber die können sich nun nicht mehr auf die
Christdemokraten berufen. Akgün: Sie überschätzen die Motive der Konferenzmacher. Herr
Schäuble und Frau Merkel haben gesehen, dass immer mehr Muslime
wahlberechtigt werden. Daraufhin haben sie einen neuen Ton gegenüber
diesen Wählern angeschlagen.
Mazyek: Muslimische Wähler im Blick zu haben ist doch nicht
anstößig. Im Gegensatz zur SPD-geführten Vorgängerregierung hat die
heutige Bundesregierung wenigstens den Ansatz einer Islam-Politik mit
der Konferenz vorgelegt.
Akgün: Aber dieses Konzept diskriminiert die Muslime. Ich
höre ständig, dass wir erst die Zugewanderten integrieren sollen und
dann noch mal extra die Muslime. Erst machen wir eine
Integrationskonferenz, dann eine Islam-Konferenz. Warum gibt es dann
keine Hindu-Konferenz? Mit dieser Extrabehandlung grenzt Schäuble die
Muslime ab und aus.
Mazyek: Muslime wollen keine Sonderrechte. Stimmt. Es gilt
aber drängende offene Fragen zu beantworten: Noch immer sind deutsche
Muslime auf importierte Imame angewiesen. Und noch immer gibt es keinen
bekenntnisorientierten Islam-Unterricht.
Akgün: Was soll die Islam-Konferenz da ausrichten? Die hat keine Kompetenz, das zu ändern!
Mazyek: Sie hat konkrete Konzepte entworfen und unsere
Gesellschaft für diese Themen sensibilisiert. Wir brauchen einen Plan,
wie deutsche Muslime gestärkt werden, um selbst den Bedarf an Lehrern
und Imamen befriedigen können. Solche Konzepte vermisse ich von Ihnen
als Islam-Beauftragter.
Akgün:
Ihre Antwort auf alle Fragen lautet immer nur: Gebt den Verbänden
so viel Einfluss, Mitsprache und Rechte wie den Kirchen ?
Mazyek: ? Entschuldigung, aber Sie formulieren machtpolitisch
und damit an der Sache vorbei. Mein Ansatz ist problemorientiert. Was
ist schlimm daran, wenn Muslime Einfluss anstreben? Wenn hier Imame
oder Religionslehrer ausgebildet werden sollen, müssen organisierte
Muslime darauf Einfluss nehmen, schon aus rechtlichen Gründen.
Akgün: Wenn Sie sich nach den Privilegien der Kirchen sehnen,
müssen Sie nur die Voraussetzungen erfüllen: Dokumentieren Sie, für wie
viele Muslime Sie überhaupt sprechen, indem Sie Mitgliederlisten
vorlegen. Und begründen Sie rechtlich und theologisch überzeugend,
warum Ihr Islam-Verständnis verfassungsgemäß ist. Ist das denn so
schwer?
Mazyek: Wir haben gezeigt, dass man Muslim und ein loyaler
Bürger sein kann. Wir wollen noch transparenter werden und unsere
Strukturen weiter demokratisieren. Dafür brauchen wir aber Politiker,
die uns Perspektiven im Sinn des Staatskirchenrechts aufzeigen.
Akgün: Ich glaube Ihnen ja, dass Sie es ernst meinen. Sie
sind ein orthodoxer Muslim, aber ein Demokrat. Und organisierte Muslime
könnten hilfreich sein bei der Integration. Nur: Die Verbände, wie sie
derzeit existieren, sind alle auf ihre Weise problematisch. Die Ditib ?
WELT ONLINE: ? die Herr Schäuble diese Woche zum bevorzugten Partner adelte ?
Akgün: ? müsste sich erst vom türkischen Staat lösen, und der
Islamrat und Ihr Zentralrat, Herr Mazyek, müssten die Gruppen
rausschmeißen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
new Control.Modal('modal_link_838275',{width: 750, afterOpen:
function(){getCounters('articleZoomImage','imgID_838275 - "Schäubles
Extrabehandlung grenzt Muslime aus"')} }); Mazyek: Wer gegen die Verfassung opponiert, hat bei uns
nichts verloren. Ich habe Schwierigkeiten damit, wegen Einzelpersonen
ganze Verbände unter Generalverdacht zu stellen. Außerdem wollen wir
doch möglichst viele Muslime in die Mitte der Gesellschaft mitnehmen
und als demokratisch engagierte Bürger gewinnen.
Akgün: Das klingt hübsch nach Wandel durch Annäherung, was
natürlich jeder Sozialdemokrat für ehrenwert hält. Aber in unserem Fall
taugt dieses Vorgehen nicht.
WELT ONLINE: Auch der Innenminister plädiert gegenüber den Verbänden für Wandel durch Annäherung. Ist er zu sanft?
Akgün: Ja. Und zu naiv.
WELT ONLINE: Eine Genossin wirft einem Christdemokraten vor, naiv auf Wandel durch Annäherung zu setzen.
Akgün: Vor 20 Jahren hätte ich das auch anders gesehen.
Inzwischen bin ich abgeklärter. Das kommt mit dem Alter. Die Verbände
müssen sich sofort von ihren Radikalen trennen. Immer wieder hört man
aus Moscheen, dass antijüdisch oder antichristlich gepredigt wird. Und
zu oft fallen Jugendliche auf, die unter dem Einfluss solcher
Feindbildprediger nicht muslimische Deutsche verachten. Das schürt
Angst ?
Mazyek: ? und ist mir zu pauschal. Sie übersehen die große
Zahl friedlicher Moscheen. Es gibt die selbst ernannten
Feindbildprediger noch in mancher Hinterhofmoschee. Aber das ist nur
eine Minderheit.
Akgün: Dann werden Sie Ihre „wilden Kerle“ los! Vorher sind die Verbände eher Problem als Lösung.
Mazyek: Sie wiederholen sich mit Ihren Verallgemeinerungen.
Ich kann nicht Einzelpersonen herauspflücken und damit die ganze
Institution diskreditieren. Helfen Sie uns lieber dabei, die „wilden
Kerle“, wie Sie sie nennen, zu zähmen und zum Umdenken anzuregen.
WELT ONLINE: Apropos Streit in den Verbänden: Aus einem
Verband war zu hören, die Auswahl der Konferenzteilnehmer sei
brüskierend. Da müssten sich Muslime ihren Glauben von Leuten erklären
lassen, die selbst keine Muslime seien, etwa von bestimmten
Islam-Kritikern.
Mazyek: Die
Klagen sind mir bekannt, aber niemand hat das Recht, über andere
zu urteilen, sie seien keine Muslime. Das darf nur Gott.
Akgün: Das ist islamisch, Herr Mazyek, da bin ich mal Ihrer Meinung!
Mazyek: Die Zusammensetzung der Konferenz war trotzdem
unglücklich. Zum Beispiel legte sie den Eindruck nahe, der Islam sei
eine ausländische Religion.
Akgün: Ja, was hat die Türkische Gemeinde Deutschlands bei
einer Islam-Konferenz zu suchen? Die ist ein weltlicher Verband, kein
religiöser. Bei der Konferenz sollte es aber um Islam gehen, nicht um
türkische Kultur. Auch da hat die Konferenz eher geschadet als genutzt.
Mazyek: Jedenfalls gehören Diskussionen über türkische oder
arabische Innenpolitik nicht in die deutsche Islam-Konferenz. Damit
wird auch das Motto, der Islam sei ein Teil Deutschlands,
konterkariert.
Akgün: Aber auch die Verbände sind zu stark von ihren
Herkunftsländern geprägt. Die Ditib wird vom türkischen Staat gelenkt,
der Islamrat von den türkischen Fundamentalisten und die VIKZ von einem
mystischen Orden aus der Türkei. Ihr Verband, Herr Mazyek, ist der
einzige, der auch Muslime vertritt, die aus anderen Ländern als der
Türkei kommen.
WELT ONLINE: Frau Akgün, eine Abschlussfrage: Falls Ihr
Parteifreund Frank-Walter Steinmeier nach der Bundestagswahl ins
Kanzleramt zieht – was werden Sie ihm raten?
Akgün: Dass er die Islam-Konferenz sanft entschlafen lässt.
Als Symbol war sie ganz gut. Aber jetzt muss dort gehandelt werden, wo
die islampolitische Musik spielt. Das heißt: in den Ländern und
Kommunen, wo fast alle wichtigen Fragen entschieden werden. Dort wartet
zähe Kleinarbeit. Wenn die Verbände sich veränderten, würde dabei
manches leichter.
WELT ONLINE: Herr Mazyek, was raten Sie dem oder der nächsten Kanzler/in?
Mazyek: Die Islam-Konferenz nicht einzustampfen! Bei der
Zusammensetzung müsste sich allerdings manches ändern. Und falls
wirklich Herr Steinmeier Kanzler werden sollte, würde ich ihm raten,
dass er seine Islam-Beauftragte drängt, ein Konzept für die
Gleichberechtigung der Muslime zu entwickeln. Das müsste aber Länder
und Kommunen in den Blick nehmen. Auch da können Politiker übrigens
symbolschwer und medienwirksam in Erscheinung treten.
Akgün: Stimmt! Zum Beispiel ist es hochsymbolisch, wenn wie
bisher die meisten Muslime ihr Leben in Deutschland verbringen, aber
ihre Leiche soll in der Türkei ?
Mazyek: ? oder in einer oberägyptischen Familiengruft ?
Akgün: ? begraben werden. Deshalb brauchen wir in Deutschland
mehr muslimische Bestattungsmöglichkeiten. Und darüber entscheiden die
Kommunen.
Mazyek:
Nebenbei: Diese Treue im Tod wäre gut muslimisch. Unser Prophet
hat gesagt: Da wo du lebst, sollst du auch begraben werden.
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