Vier Jahre Integrationspolitik- Eine Bilanz der Integrationspolitik der Großen Koalition
Artikel in den Frankfurter Heften, 7/8, 2009
„Einigkeit und Recht und Freiheit“: Angela Merkel hat am
12. Mai 2009 gemeinsam mit 16 gerade eingebürgerten Migranten die
Nationalhymne angestimmt und den Neubürgern ihre Einbürgerungsurkunden
übergeben. Die Kanzlerin wollte damit ein Zeichen für Integration und
mehr Einbürgerungen setzen. Tatsächlich aber ist die Zahl der
Einbürgerungen in der Amtszeit Merkel weiter zurückgegangen.
Ein Grund dafür sind die erschwerten Bedingungen, unter denen
Einbürgerungen überhaupt möglich sind. Die Veranstaltung der Kanzlerin
ist damit widersprüchlich und aufschlussreich zugleich:
Aufschlussreich, weil sie uns den Kern der Integrationspolitik der
vergangenen vier Jahre offenlegt: Symbolpolitik. Eine Symbolpolitik,
die nicht verbergen konnte, dass neue Restriktionen geschaffen wurden
und drängende Fragen einer Antwort harren. Widersprüchlich, weil Reden
und Handeln auseinanderfallen.
Symbolpolitik war es, als nach der Wahl 2005 das Amt der
Integrationsbeauftragten in das Bundeskanzleramt integriert wurde. Der
symbolischen Aufwertung des Amtes stand kein realer Machtzuwachs
gegenüber. Die neue Integrationsbeauftragte Maria Böhmer erhielt keine
neuen Befugnisse, und die Entscheidungsgewalt verblieb in den
Fachministerien. Auch der Etat wurde nicht ausreichend aufgestockt.
Die beiden wichtigsten integrationspolitischen Maßnahmen der Großen
Koalition – der Integrationsgipfel im Kanzleramt und die Deutsche
Islamkonferenz von Innenminister Wolfgang Schäuble – waren zudem vor
allem symbolische Akte. Der Integrationsgipfel sollte das Thema
aufwerten und die Anstrengungen der verschiedenen Fachressorts bündeln.
Dazu wurden Vertreter aller politischen Ebenen und gesellschaftlichen
Gruppen, inklusive der Migrantenverbände, eingeladen. Eine schöne
symbolische Geste, keine Frage…
Was aber hat der Integrationsgipfel tatsächlich gebracht? Haben
Migranten heute bessere Chancen in der deutschen Gesellschaft als vor
vier Jahren? Leider Nein! Wir haben jetzt zwar einen Nationalen
Integrationsplan, mit dem „Neue Wege“ beschritten werden sollten. Viel
Neues ist dem Plan bei genauer Lektüre aber nicht zu entnehmen. Auch
zusätzliche Mittel für die Integration wurden nicht bereitgestellt.
Die drängenden Probleme, vor allem jene, die sich an harten
sozioökonomischen Indikatoren messen lassen, konnte der Gipfel nicht in
Angriff nehmen; wie gesagt, die Musik spielt weiter in den
Fachministerien oder den Bundesländern.
Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse – das ist die Sache des
Arbeits- und des Bildungsministeriums. Staatsangehörigkeits- und
Ausländerrecht fallen in die Zuständigkeit des Innenministeriums.
Bildung wiederum liegt in der Befugnis der Bundesländer. Der
Integrationsgipfel musste alleine deshalb ein zahnloser Tiger bleiben.
Nicht jede Symbolpolitik ist überflüssig, ganz im Gegenteil:
Erfolgreiche Politik lebt von symbolischen Inszenierungen. Aber nur,
wenn ihre Botschaften nicht widersprüchlich sind. Symbole und
Botschaften müssen durch eine handwerklich gute Politik unterfüttert
sein – dann passen sie zueinander. Genau das war aber in den
vergangenen Jahren nicht der Fall, und dadurch ist Vertrauen verspielt
worden.
Die drängenden Fragen, über die sich alle Experten für Integration
und Einwanderung einig sind, wurden – mit wenigen Ausnahmen –
schlichtweg nicht angepackt. Zu den Ausnahmen gehören die
Bleiberechtsregelung für Geduldete und die Anerkennung ausländischer
Abschlüsse. Bei der Bleiberechtsregelung konnten sich Sozialdemokraten
mit ihrer Forderung nach einer Altfallregelung durchsetzen. Was die
Anerkennung ausländischer Abschlüsse anbelangt, so hat der
Arbeitsminister Olaf Scholz durch seine jüngste Ankündigung, einen
Rechtsanspruch auf die Anerkennung ausländischer Abschlüsse einführen
zu wollen, einen Meilenstein gesetzt.
Aber sonst? Die doppelte Staatsbürgerschaft – ein
„non-dit“der Großen Koalition. Das kommunale Ausländerwahlrecht? Eine
dafür notwendige Grundgesetzänderung war mit der CDU nicht zu machen.
Eine umfassende Reform des Bildungs- und Ausbildungssystems im Sinne
einer neuen Bildungsoffensive? Gar nicht daran zu denken.
Dabei haben wir es nicht nur mit verpassten Chancen, sondern auch
mit neuen Erschwernissen zu tun. Die Einbürgerungsvoraussetzungen
wurden verschärft und der Familiennachzug erschwert. Dadurch entstand
der fatale Eindruck einer Aufgabenteilung nach dem bewährten Muster
„good guy versus bad guy“: Die Integrationsbeauftragte Böhmer war für
die schönen Worte und symbolischen Gesten zuständig, derweil
Bundesinnenminister Schäuble neue Restriktionen durchsetzte und die
Kulturalisierung des Integrationsdiskurses vorantrieb.
Mit der Islamkonferenz schuf der Innenminister eine Art
Parallelveranstaltung zum Integrationsgipfel. Es sollten Fragen wie der
islamische Religionsunterricht, die Imamausbildung und der Moscheebau
geregelt werden. Hier aber fehlten wiederum Entscheidungsbefugnisse.
Stattdessen wollte der Innenminister mit den Muslimen in der
Islamkonferenz die Werte des Grundgesetzes diskutieren. So entstand der
Eindruck, Muslime bedürften einer gesonderten Integration. Der
Innenminister verstärkte damit den Trend zur Kulturalisierung der
Debatte, indem er Integration durch die Brille der Religion
betrachtete. Auch dies war kontraproduktiv. Die überwiegende Mehrheit
der Muslime, die Otto-Normal-Muslime, die ganz selbstverständlich auf
dem Boden des Grundgesetzes stehen, ist heute ohne Vertretung.
Stattdessen hat der konservative bis orthodoxe Verbandsislam die
Deutungshoheit an sich gerissen. Ein weiteres vielleicht ungewolltes,
aber dennoch folgenschweres Ergebnis symbolischer Integrationspolitik
der Großen Koalition.
Ein Blick auf die Taten hinter den Worten zeigt: Die Integrations-
und Islampolitik der letzten vier Jahre war bei Weitem nicht so
innovativ und zukunftsweisend, wie sie beworben wurde. Im Gegenteil:
Neue Restriktionen, verpasste Chancen und ein verfehlter Trend zur
Kulturalisierung sind die Folgen.
Was nun? Ab Herbst 2009 wird es jeder neuen Regierung darum gehen
müssen, zunächst einmal Worte und Taten in Einklang zu bringen: weniger
Symbolik, mehr Handeln! Weniger Islamdebatten, mehr Sozial- und
Bildungspolitik! Weniger Gipfel, stattdessen moderne Gesetze für
Integration und Einwanderung! Dafür brauchen wir keine neuen Analysen,
Pläne oder Gipfel. Die dringendsten Aufgaben von Einwanderung und
Integration sind wohlbekannt. Und die meisten Werkzeuge auch: Sie
entstammen größtenteils den harten Themen Bildung, Ausbildung und
Arbeit.
Deshalb muss der Dirigent wieder dahin, wo die Musik spielt. Das Amt
der Integrationsbeauftragten sollte aus seinem jetzigen Elfenbeinturm
hinaus gelöst und dorthin versetzt werden, wo es hingehört: ins
Bundesministerium für Arbeit. Dieses Ministerium ist vielleicht nicht
so glamourös wie das Kanzleramt, aber es eröffnet einen viel größeren
Handlungsspielraum. Dort ist auch der politische Wille zum Gestalten
vorhanden, wie die Initiative von Olaf Scholz zur Anerkennung
ausländischer Abschlüsse deutlich macht.
Was wir tun müssen liegt auf der Hand: Das dreigliedrige Schulsystem
ist eine Antwort von gestern – es hat ausgedient. Wir brauchen nicht
mehr nur etwas mehr frühkindliche Bildung hier, etwas mehr
Sprachförderung da, sondern eine veritable Bildungsoffensive. Das duale
Ausbildungssystem hingegen ist eine hervorragende Institution. Für die
Zukunft aber wird es nicht ausreichen. Gerade die Migrantenjugendlichen
benötigen überbetriebliche Ausbildungsmöglichkeiten.
Auch in anderen Bereichen gibt es dringend Handlungsbedarf: doppelte
Staatsbürgerschaft, kommunales Ausländerwahlrecht, die Anerkennung
ausländischer Abschlüsse – all dies sind wichtige Schritte in Richtung
einer modernen Integrationspolitik. Eine solche Politik muss durch eine
humane, europäische Asylpolitik und eine kluge Einwanderungspolitik
flankiert werden. Längst ist klar, dass wir Einwanderung nach
Deutschland brauchen, wenn wir unseren Wohlstand halten wollen.
Wenn das Handeln im Vordergrund steht und Worte und Taten wieder
übereinstimmen, dann ist auch Symbolpolitik sinnvoll. Dann können wir
trefflich über ein republikanisches Verständnis von Staatsbürgerschaft,
über die Bedeutung ethnischer, religiöser und sprachlicher Vielfalt und
ein neues Wir-Gefühl für Deutschland diskutieren. Und dann klingt auch
ein gemeinsames „Einigkeit und Recht und Freiheit“ von Eingewanderten
und Einheimischen, gerne auch im Kanzleramt, harmonisch und nicht
länger als Kakophonie.
Quelle:
Lale Akgün: Vier Jahre Integrationspolitik, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, 7/8, 2009, S. 34-36.
|