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Von Ankara lernen - der europäische Islam benötigt eine Reformation
Gastbeitrag von Lale Akgün in Die Tageszeitung (taz) vom 15.10.2007
Es ist wahr, die islamische intellektuelle Landschaft in Deutschland
ist ausgetrocknet, eine sandige Wüste, in der nicht mehr viel wächst
außer den knöchernen Gewächsen der islamischen Verbände. Der Islam hat
in Deutschland und weltweit ein gehöriges Imageproblem, nicht erst seit
den Terroranschlägen von New York. Und es ist wahr: Wir benötigen
dringender als je zuvor hierzulande wieder Stimmen, die für einen
weltoffenen, liberalen und zeitgemäßen Islam sprechen, für einen Islam,
der Antworten auf Fragen gibt, die sich hier in Deutschland unter
unseren Lebensbedingungen stellen. Der europäische Islam benötigt eine
Reformation.
Unrecht aber haben jene Apologeten und Islamkritiker, die behaupten,
Islam und Demokratie seien grundsätzlich unvereinbar. Es ist ärgerlich,
dass diese Schwarz-Weiß-Denker seit einiger Zeit großen Widerhall in
der Öffentlichkeit finden. Sie wecken verschüttet geglaubte Vorurteile
und reiten auf der emotionalen Welle von Überfremdungsängsten. Deshalb,
aber auch, weil es an kräftigen liberal-islamischen Stimmen hierzulande
fehlt, haben es Sachargumente in der Diskussion um Islam und Demokratie
schwer. Wo aber steht der Islam heute? Sind Muslime wirklich die
schlechteren Demokraten?
Der Islam passt genauso gut und genauso schlecht zur demokratischen
Lebensform wie alle anderen Religionen auch. Es gibt eine Vielzahl
islamischer Schattierungen von Marokko bis Indonesien und von den
Vereinigten Staaten bis Deutschland; die Türkei ist demokratisch und
islamisch, Saudi-Arabien ist islamisch und undemokratisch - hier
verbieten sich also Pauschalisierungen, weswegen ich nur von Europa und
Deutschland sprechen möchte: Der Islam ist hierzulande nicht auf der
Höhe der Zeit. Wir benötigen einen Islam, der auf die hiesigen
Lebensbedingungen Antworten gibt, eigenständig organisiert und an den
europäischen und deutschen Gesetzen gemessen wird - das sind die
gleichen Anforderungen, die auch an alle anderen Religionen zu stellen
sind.
Stattdessen aber zeigt sich hier meist ein islamisches Gesicht, das
von Verbänden und Funktionären bestimmt ist, die konservative, manchmal
auch fundamentalistische Positionen vertreten und vom Ausland abhängig
sind. Der größte muslimische Verband, Ditib, ist finanziell und
organisatorisch eng mit Diyanet verknüpft, der türkischen
Religionsbehörde. Sie holt Imame aus der Türkei nach Deutschland, die
nur selten gut Deutsch sprechen oder hinreichend mit unseren
Lebensbedingungen vertraut sind. Wie aber können diese Prediger den
hier lebenden Musliminnen und Muslimen bei der Bewältigung ihrer
Lebensprobleme helfen, wenn sie Deutschland kaum kennen? Andere
Verbände sind eng mit Saudi-Arabien oder der ägyptischen
Muslimbruderschaft verquickt, die einen Steinzeit-Islam vertreten.
Dieser Islam hat keine Antworten auf die Fragen der hier lebenden
Musliminnen und Muslime, die sich mit den Vorzügen und Nachteilen einer
globalisierten Welt und eines deutschen und zugleich europäischen
Gemeinwesens auseinanderzusetzen haben. Wir benötigen also starke
Stimmen, die lebensnahe Antworten geben können. Leider fehlen dem Islam
in Deutschland und Europa die Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer
modernen Interpretation. Noch gibt es viel zu wenige Lehrstühle für
islamische Religionslehre, so gut wie keinen fundierten Islamunterricht
an Schulen, und es werden hierzulande keine Imame ausgebildet.
Die islamische Welt führt uns selbst vor Augen, wie das Konzept
eines aufgeklärten Islam aussehen könnte: An der Universität Ankara
betreibt ein junges Team islamtheologische Forschung nach der
historisch-kritischen Hermeneutik. Die Suren des Koran sind demnach nur
im geschichtlichen Kontext verständlich, nicht aber wörtlich auf die
Gegenwart zu übertragen. Der Transfer auf heute ist Sache des
Einzelnen. Diese müssen, wenn sie ihre Sache richtig machen, die
Überlieferungen Mohammeds, die Hadithen, zu Rate ziehen. Die Hadithen
sind Erläuterungen des Propheten, mittels derer der ethische Gehalt der
Koransuren herausgeschält und auf die Gegenwart übertragen werden kann.
Jeder ist berechtigt, in dieser Weise den Koran zu interpretieren, auf
einen Gelehrten wird zurückgegriffen, wenn man dazu nicht in der Lage
ist. Natürlich, diese hermeneutische kritische Lesart hat sich noch
nicht bis in jedes deutsch-türkische Wohnzimmer herumgesprochen. Aber
gerade deshalb täten wir gut daran, ihre liberalen Vertreter zu
stärken, statt immer nur den Gestrigen die Hände zu schütteln.
Wir dürfen eines jedoch nicht vernachlässigen: Es reicht nicht, nur
die intellektuelle Szene der liberalen Muslime zu stärken. Wir müssen
dringend damit aufhören, die "Otto-Normal-Muslime", die große
schweigende Mehrheit, die in Ruhe in Deutschland leben und arbeiten
möchte, immer mit Fundamentalisten und Ewiggestrigen in einen Topf zu
werfen. Wie soll man sich denn als Muslimin oder Muslim fühlen, wenn
man morgens beim Zähneputzen im Radio hört, dass demnächst alle
Islamkonvertiten geheimdienstlich überwacht werden sollen? Wer so
behandelt wird, begreift sich als Außenseiter und wird sich als
Reaktion in ein Schneckenhaus zurückziehen; damit wird das Gegenteil
von Integration erreicht.
Die aggressive Islamkritik und die ewig wiederholte, aber doch
falsche Behauptung, Demokratie und Islam seien wie Feuer und Wasser,
hat mit der Realität der Menschen vor Ort in den Dörfern und Städten
Deutschlands nicht viel zu tun. Im Zusammenleben erst erfährt man
deutlich, dass ein türkischer Arzt viel mehr mit einem deutschen Arzt
gemein hat als mit einem türkischen Bauarbeiter. Die trennenden Gräben
in unserer Gesellschaft verlaufen entlang der sozialen Fragen um
Bildung, Wohlstand und Aufstiegschancen. Und erst wenn alle Menschen
die gleichen Teilhabe- und Aufstiegschancen haben, werden diese Gräben
zugeschüttet.
Ein "Wir-Gefühl", das als sozialer Kitt für die Gesellschaften so
wichtig ist, kann daher nur auf der Grundlage unserer gemeinsamen
Verfassungswerte wachsen. Jürgen Habermas hat das einmal als
"Verfassungspatriotismus" bezeichnet. Der Bürger oder die Bürgerin,
ganz gleich ob islamisch, christlich oder atheistisch, hat demnach die
gleichen Rechte und Pflichten auf politischem, wirtschaftlichem und
sozialem Gebiet wie alle anderen. Dazu gehört auch die Akzeptanz
unserer säkularen Verfassung, wonach Politik und Religion getrennt sind
und der Rechtsstaat das Machtmonopol hat. Innerhalb dieser staatlichen
Grenzen und seines Schutzes dürfen die Religionen ihr
friedenssicherndes und integratives Potenzial voll ausschöpfen. Das ist
der Platz in der säkularen Demokratie, an dem Religion wächst und
gedeiht und Gutes für die Menschen tut. Das ist der Platz in der
säkularen Demokratie, an dem der Islam wachsen und gedeihen und Gutes
für die Menschen tun kann.
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